Gestank im Hexenhaus

Dies ist mein Beitrag zur Blogparade von Frank Bergmann. 200 Jahre, nachdem die Brüder Grimm den ersten Band ihrer Kinder- und Hausmärchen veröffentlichten, soll diese Erzählform mit vielen, neuen Beiträgen am Leben erhalten werden.

 

Gestank im Hexenhaus

Es war einmal ein Mädchen, das ging gern im Wald spazieren, denn es liebte die Tiere. Es sprach mit ihnen und fütterte sie im Winter, wenn der Boden hart gefroren war und unter dem Schnee kein Grashalm mehr zu finden war und keine Eichel und kein Laub.

Eines Tages entdeckte das Mädchen ein wunderschönes Pferd, das sich mit einem Huf in der Falle eines Wildhüters verfangen hatte, und befreite es. Das Tier schnaubte freundlich, als das Mädchen ihm den Hals und die Ohren kraulte, ließ es aufsitzen und trug es durch den Wald.

Das Pferd aber war verzaubert.

Das Pferd gehörte einer Hexe, die im tiefen Wald hauste und sich auf diese Weise Kinderbraten verschaffen wollte. Das verhexte Pferd kannte nur den Weg zurück zum Hexenhaus und trabte dorthin. Die Hexe tat sehr freundlich und erlaubte dem Mädchen, das Pferd im Stall zu versorgen und dort zu schlafen.

Das Tor sperrte die Hexe zu.

In der Nacht wurde das Mädchen wach und hörte ein Rascheln im Stroh. Eine Stallmaus kroch heraus und flüsterte leise: „Hüte Dich vor der Frau. Sie ist eine Hexe und will Dich fressen. Aber weil Du so lieb zu uns Tieren gewesen bist, will ich Dir helfen. Drehe aus dem Pferdemist zwölf kleine Kügelchen. Die werde ich im Hexenhaus verstecken, um die Hexe zu ärgern.“

Die böse Hexe soll platzen vor Wut.

Das Mädchen tat, wie die Maus es geheißen hatte, und drehte aus dem Pferdemist zwölf erbsengroße, stinkende Kügelchen. Damit flitzte die Maus, die in der Bretterwand des Stalls ein Schlupfloch hatte, ins Hexenhaus. Sie versteckte die Mistkügelchen zwischen den Holzdielen und in den Fensterritzen, zwischen den Zauberbüchern im Regal und im Kartoffelkorb. Das zwölfte Mistkügelchen schob die Maus in den Pantoffel der Hexe.

Es dauerte nicht lang, da begann es im Hexenhaus gewaltig zu stinken.

Denn es war Winter, und die Hexe heizte kräftig ihren Kamin. Auch den Ofen wärmte sie schon an, weil sie Appetit auf Kinderbraten hatte. Über den Gestank im Haus ärgerte sich die Hexe jedoch bald sehr. Aber sie fand die Ursache nicht. Da nahm sie ihren Pantoffel und schleuderte ihn wütend durch die Küche. Dabei kullerte das zwölfte Mistkügelchen heraus.

Ixe fixe tromeptei, friss mir weg die Stinkerei.

Die Hexe zauberte sich ein Ungeheuer, das mit seiner feinen Rüsselnase alle Mistkügelchen fand und sie wie ein Staubsauger auch aus den kleinsten Ritzen heraussaugen konnte. Das Ungeheuer war richtig gierig auf diese Kügelchen, aber weiteren Nachschub brachte die Stallmaus nicht. Nun ärgerte sich das Ungeheuer, weil es nichts mehr zu fressen fand. Es wandte sich dem einzig verbliebenen Gestank im Hexenhaus zu. Und das war die Hexe selbst. Das Ungeheuer stellte seinen Saugrüssel auf Übergröße ein und schluckte die Hexe mit einem Rutsch hinunter.

Es gab ein grässliches Knirschen, und die Hexe war weg.

In diesem Moment war der Zauber gebrochen. Die Stalltür öffnete sich, das Pferd ward normal, und das Staubsaugerungeheuer verwandelte sich in einen treuen Hund, der nie mehr von der Seite des Mädchens wich. Fröhlich nahmen sie das Hexenhaus in Besitz, und die Stallmaus bekam darin einen Ehrenplatz.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

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