Ein Kind, gefühlt drei

Ein Nachbarkind singt im Garten: „Maria durch den Dornwald ging.“ Mein Kind trällerte mit 5 Jahren Pippi-Langstrumpf-Lieder: „Ich mach‘ mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt ….“ Dabei ist es geblieben.

In bester Absicht habe ich am Kinderbett abends vorgelesen. Jahrelang. Mit dem Märchen von Rotkäppchen fing es an. Die gerechte Strafe für den Oma fressenden Wolf fand dieses Kind gut. Aber es sah in der Geschichte auch großes Potenzial zu seinen eigenen Gunsten. Als es mit der Oma im Clinch lag, drohte es spitzzüngig:

„Gleich kommt der Wolf und frisst die Oma.“ – Ich: „Da muss ich ja dem Wolf den Bauch aufschneiden, um die Oma zu retten.“ – Das Kind: „Nein! Der Wolf hat gesagt, er kaut die Oma.“

Die Sache mit den Kindergebeten ging auch irgendwie schief. Dieses Kind war überhaupt nicht erfreut, dass Gott angeblich alles sieht und überall ist, und keilte zurück:

„Gott ist in der Nase und in den Haaren … und weißt du, wo noch? Ich flüstere es Dir ins Ohr: In der Rotze!!“ – Leise: „Wie geht es ihm da?“ – Wieder flüsternd ins Ohr: „Bestimmt nicht so gut im Taschentuch mit der Rotze.“

Weiter ging es mit Pumuckl. Schnell lernte das Kind von seinem neuen Vorbild charmante Ausreden, insbesondere um von lausig gemachten Hausaufgaben abzulenken.

„Ich habe ein Gedächtnis wie ein Sieb, da rieselt alles durch, da bleibt nur der Spaß übrig.“

Mit Pippi Langstrumpf schließlich zogen Mut und Frechheit ins Kinderherz. Das Draufgängertum bescherte uns zahllose Besuche in der chirurgischen Ambulanz. Heute beschränkt es sich physisch gesehen meist auf Blechschäden an Autos.

„Ich wünsche mir ein Pony. So schwarz, als ob die Nacht Kinder gekriegt hätte.“

Die Kunst zur Schlagfertigkeit blieb, wuchs und kam bei der Beantwortung von Fragen in Bewerbungstests hemmungslos zum Einsatz.

Der  Name des aktuellen Bundesministers für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung? –  „Ich habe diese Regierung nicht gewählt!“. Und der griechische Staatspräsident? Ausgerechnet seinen Namen hatte dieses Kind nicht auswendig gelernt. Stattdessen hatte es lange geübt, bis es den Namen des polnischen Präsidenten behalten konnte. Was tun? Dieses Kind streicht in der Präsidentenfrage das Wort „griechisch“ durch, schreibt darüber „polnisch“ und daneben frohgemut: „Bronisław Maria Karol Komorowski.“ Bei der Frage nach dem „Goldenen Dreieck“ behauptet es: „Intimfrisur“. Und beim Beruf der Eltern schreibt es genervt: „Geht euch gar nix an.“

Die kreativen Antworten kamen so gut an, dass dieses Kind nicht nur zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, sondern auch den Job bekam.

Das merke ich mir. Sollte ich mal dämliche Fragen beantworten müssen, weiß ich schon jetzt meine Antwort auf die Frage nach der Kinderanzahl: „Eins. Gefühlt drei.“

                                           

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