Falsch verwurstet. Ein Sprachkrimi aus der Pressestelle.

Blöd, wenn man Ernst-August Toefelspitz-Strunckemeyer heißt. Und dann auch noch in eine Sprachfalle tappt. Das passiert schneller, als man denkt. Nicht immer kann man sich damit herausreden, dass doch klar ist, was eigentlich gemeint war. Falsch verwurstet. Die Uhr läuft verkehrt Ernst-August Toefelspitz-Strunckemeyer hasst seine Doppelnamen. Sie sind das Allerletzte. Wenn Journalisten den Pressesprecher zitieren wollen, muss er seinen Namen buchstabieren. Jedes Mal. Ernst-August mit Bindestrich, Toefelspitz mit oe, Strunckemeyer bitte mit ck und y. „Schreiben Sie doch einfach: nach Auskunft der Pressestelle“, schlägt er verzweifelt vor. Außerdem möchte er am liebsten nicht dauernd persönlich im Zusammenhang mit dem Gammelfleischskandal genannt werden.

„Unsere letzten Würstchen waren einwandfrei“, versichert Ernst-August Toefelspitz-Strunckemeyer gerade dem 38. Anrufer. „Ihre letzten?“, lautet die Rückfrage. „Ja doch“, bestätigt der Pressesprecher und versucht unmissverständlich zu formulieren. „Ich meine unsere letzte Charge. Die Überprüfung hat keine Beanstandungen ergeben. Die Würstchen verlassen heute unser Werk und werden für einen guten Zweck gespendet.“ Dann fügt er noch hinzu: „Damit schließen wir nun das letzte Kapitel unserer Firmengeschichte.“

Ernst-August Toefelspitz-Strunckemeyer hofft, dass die Brutzelstädter Würstchenwunder GmbH nun aus den Schlagzeilen kommt und wieder ruhigere Tage in der Pressestelle einkehren. Frohgemut verlässt er die Firma. Er beschließt, seine Freundin zu heiraten und ihren Namen anzunehmen: Müller!

Am nächsten Tag lautet die Schlagzeile: „Aus für das Würstchenwunder“. Und weiter: „Mit einer Spende ihrer letzten Würstchen geht die Geschichte der Brutzelstädter Würstchenwunder GmbH zu Ende. Wie die Pressestelle des Unternehmens gestern auf Anfrage mitteilte, habe die letzte Charge gestern das Werk verlassen. Sie sei einwandfrei gewesen und werde einem guten Zweck zur Verfügung gestellt. Damit werde nun das letzte Kapitel der Firmengeschichte geschlossen. Gegen das Unternehmen war wie mehrfach berichtet wegen der Verarbeitung von verdorbenem Fleisch ermittelt worden.“

Ernst-August Toefelspitz-Strunckemeyer wurde fristlos gefeuert. Seine letzten Worte: „Nie wieder Würstchen!“

Dumm gelaufen. Aber warum? Das Letzte ist das Allerletzte! Wenn Sie Ihr letztes Hemd verschenkt haben, sind Sie nackt und frieren. Wenn die Würstchenwunder GmbH ihre letzte Charge ausliefert und damit das letzte Kapitel ihrer Firmengeschichte schließt, folgt danach? Nichts mehr. Das war aber nicht gemeint.

Es hätte heißen müssen: Die jüngste Charge war einwandfrei und hat das Werk verlassen. Oder: Die letzte Charge, die heute überprüft wurde, war einwandfrei und hat das Werk verlassen. Und nicht das letzte Kapitel der Firmengeschichte wurde geschlossen, sondern nur dieses eine Kapitel, in dem es Probleme mit Gammelfleisch gegeben hatte.

Die vielfach benutzte Formulierung „im letzten Jahr“ ist daher ebenfalls meistens falsch. Normalerweise ist nur die jüngere Vergangenheit gemeint: das vorige Jahr, das vergangene Jahr, das zurückliegende Jahr. Nach einem letzten Jahr folgt kein weiteres mehr. So gesehen war 2010 für Ernst-August Toefelspitz-Strunckemeyer das letzte Jahr seiner Tätigkeit für die Würstchenwunder GmbH. Jetzt heißt er Müller. Damit hat er seinen bisherigen Nachnamen aufgegeben, aber nicht seinen letzten.

Und „Nie wieder Würstchen!“ waren bestimmt nicht seine letzten Worte. Sonst wäre er jetzt tot.

Die hier dargestellten Geschehnisse und Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Firmen und lebenden oder verstorbenen 
Personen wäre rein zufällig und ist gänzlich unbeabsichtigt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.