Womanizer

Ich liebe Arztbesuche. Im Wartezimmer kann ich hemmungslos in den bunten Heften blättern und all die A- bis C-Promis anschauen, denen in seriösen Tageszeitungen auf der Seite „Aus aller Welt“ gerade mal eine Kurzmeldung gewidmet ist. Und ich beschließe regelmäßig, den nächsten Termin nicht bei einem Arzt zu machen, sondern beim Friseur und der Kosmetikerin. Ich werde weniger rauchen, gesünder essen und mehr Sport treiben, damit vom Glanz der Schönheiten auch etwas auf mich fällt. Wenigstens ein bisschen.

Allein bei dem Gedanken fühle ich mich gleich besser. Und nebenbei lerne ich neue Worte. Womanizer zum Beispiel.

Robbie Williams scheint so einer zu sein, aber da ich aus dem Schwärm- und Schwarm-Alter heraus bin, weiß ich trotzdem nicht, was ein Womanizer ist. In meiner Jugend gab es Playboys. Aber die sind wohl nicht gemeint. Womanizer klingt irgendwie positiver.

Ich grübele noch, als ich ins Behandlungszimmer des Orthopäden komme. Ich glaube, Orthopäden hassen ihre Patienten. Speziell die mit dem Alles-tut-mir-weh-Syndrom und einer großzügigen Handumfahrung des betroffenen Bereichs. Ich melde deshalb glücklich, dass sich der Schmerz nach der soundsovielten Behandlung ganz klar nur noch auf eine Stelle konzentriert. Hier.

Ich sehe, er freut sich. Der Arzt stellt sich hinter mich und bittet, nach dem Pullover auch noch die Halskette auszuziehen. Wäre doch schade um die Lapis lazuli, wenn jetzt die obligatorische Wolke Desinfektionsmittel auf mir niedergeht. Ich fummele tapfer, aber ohne Brille und Spiegel kriege ich den Verschluss natürlich nicht auf.

„Darf ich?“, höre ich hinter mir, keine Spur ungeduldig oder ärgerlich. Sanft, gerade zu zärtlich lösen seine Hände die Kette.

Ich spüre einen Hauch von Wärme auf meiner Schulter. Dann steigen diese Hände langsam und vorsichtig meinen Hals hoch, bemüht die Frisur nicht zu zerdrücken. Ich muss meinen Kopf gegenhalten, erst nach rechts, dann nach links. Es ist mehr ein Wiegen, er will mir nicht weh tun, und es ist wie eine Aufforderung, alle meine Gefühle von Zerbrechlichkeit seiner Obhut anzuvertrauen. Wunderbar.

Das muss mit Womanizer gemeint sein. Diese Ritterlichkeit gegenüber Frauen, gepaart mit einem Hauch von Erotik und Zärtlichkeit und Beschützerinstinkt und vor allen Dingen ganz absichtslos. Das ist eine Kombination, bei der Frauen sofort schwach werden. Ich auch.

Ich vereinbare gleich einen weiteren Termin. Aber vorher gehe ich zum Friseur.

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