Nominalstil vermeiden: Mit Verben klarer, direkter und verständlicher schreiben

Verständlich und klar schreiben  |  8 Min. Lesezeit
Petra Stallbaum
Une professionnelle révise un document professionnel à son bureau pour remplacer des formulations complexes par des phrases plus claires.

Was Nominalstil bedeutet und warum er Texte erschwert

Nominalstil bezeichnet eine Ausdrucksweise, in der viele Substantive, insbesondere abstrakte Hauptwörter, an die Stelle von Verben und klaren Handlungen treten. Häufig entstehen solche Substantive aus Verben oder Adjektiven: aus „prüfen“ wird „Prüfung“, aus „entscheiden“ wird „Entscheidung“, aus „möglich“ wird „Möglichkeit“. Substantive sind nicht grundsätzlich problematisch. Sie werden schwierig, wenn sie Handlungen verdecken und Sätze mit langen Präpositionalgruppen, Passivkonstruktionen oder unklaren Zuständigkeiten verbinden.

Ein nominal geprägter Satz lautet beispielsweise: „Die Durchführung einer Überprüfung der eingereichten Unterlagen erfolgt nach Eingang der vollständigen Dokumentation.“ Verständlicher ist: „Wir prüfen die eingereichten Unterlagen, sobald die Dokumentation vollständig eingegangen ist.“ Die zweite Fassung benennt die Handlung, die handelnde Stelle und den zeitlichen Zusammenhang.

Besonders häufig kommt Nominalstil in Verwaltungstexten, juristischen Erläuterungen, Geschäftsberichten, wissenschaftlichen Arbeiten, internen Anweisungen und Marketingtexten vor. Auch in Bewerbungen und geschäftlichen E-Mails kann er den Eindruck erwecken, eine Aussage sei präzise, obwohl sie nur abstrakt klingt. Für Leserinnen und Leser bedeutet das zusätzliche Übersetzungsarbeit: Sie müssen erst erkennen, wer was tut, wann etwas geschieht und welche Folge daraus entsteht.

Verben machen sichtbar, wer handelt

Ein starkes Verb beantwortet oft mehrere Fragen gleichzeitig: Was geschieht? Wer handelt? In welcher Weise geschieht es? Nominalformulierungen lassen diese Informationen dagegen leicht offen. Die „Umsetzung einer Anpassung“ sagt beispielsweise nicht, wer etwas anpasst und was konkret verändert wird.

Vergleichen Sie die folgenden Fassungen:
  • „Die Optimierung der Abläufe erfolgt durch das Team.“
  • „Das Team optimiert die Abläufe.“
  • „Im Rahmen der Prüfung erfolgt eine Bewertung der Risiken.“
  • „Das Projektteam bewertet die Risiken.“
  • „Eine zeitnahe Bearbeitung der Anfrage wird angestrebt.“
  • „Wir bearbeiten Ihre Anfrage möglichst bald.“
Die verbale Fassung ist nicht automatisch besser, wenn sie ungenau bleibt. „Wir kümmern uns darum“ klingt zwar aktiv, informiert aber weniger als „Wir prüfen die Unterlagen bis Freitag“. Gute Überarbeitung verbindet deshalb drei Elemente: ein passendes Verb, ein klares Subjekt und eine überprüfbare Ergänzung.

Im beruflichen Schreiben ist diese Klarheit besonders wichtig. Eine Arbeitsanweisung muss erkennen lassen, wer eine Aufgabe übernimmt. Eine Leistungsbeschreibung muss zeigen, welche Handlung tatsächlich angeboten wird. Eine Bewerbung sollte nicht nur „Kenntnisse in der Bearbeitung von Kundenanfragen“ nennen, sondern beispielsweise „Ich bearbeite Kundenanfragen schriftlich und telefonisch und dokumentiere die Lösungen im System.“

Typische Signale für einen unnötigen Nominalstil

Nicht jedes Hauptwort ist ein Warnsignal. Wörter wie „Vertrag“, „Preis“, „Arbeitszeit“ oder „Kundendaten“ benennen konkrete Dinge und sind häufig unverzichtbar. Kritischer sind abstrakte Substantive, die mit Endungen wie -ung, -tion, -keit, -heit, -schaft oder -ismus gebildet werden. Auch Wörter wie „Durchführung“, „Ermöglichung“, „Berücksichtigung“, „Erörterung“ und „Inbetriebnahme“ verdienen einen genaueren Blick.

Folgende Muster helfen bei der Suche:
  • Substantivierte Handlungen: „die Durchführung der Analyse“ statt „wir analysieren“
  • Funktionsverbgefüge: „eine Entscheidung treffen“ statt „entscheiden“, sofern die kürzere Form passt
  • Präpositionalketten: „im Hinblick auf die Verbesserung der Qualität“ statt „um die Qualität zu verbessern“
  • Unpersönliche Formulierungen: „es erfolgt eine Mitteilung“ statt „wir teilen mit“
  • Abstrakte Vorsilben und Füllwörter: „zur Durchführung bringen“ statt „durchführen“
Ein praktischer Test lautet: Markieren Sie alle Substantive in einem Absatz. Häufen sich abstrakte Hauptwörter, Präpositionen und Genitivgruppen, prüfen Sie, ob mehrere davon durch Verben ersetzt werden können. Der Test liefert keine automatische Lösung, macht aber sichtbar, wo ein Text schwerfällig werden könnte.

Schritt für Schritt vom Nominalstil zur klaren Aussage

Eine systematische Überarbeitung verhindert, dass nur einzelne Wörter ausgetauscht werden und der Satz trotzdem unverständlich bleibt.
  1. Handlung erkennen: Suchen Sie abstrakte Substantive und fragen Sie: Welches Verb steckt darin? Aus „Durchführung“ wird meist „durchführen“, aus „Überprüfung“ „überprüfen“, aus „Genehmigung“ „genehmigen“.
  2. Handelnde Person bestimmen: Fragen Sie, wer die Handlung ausführt. Steht diese Information nicht im Ausgangssatz, muss sie ergänzt oder bewusst offen gelassen werden.
  3. Verb an die richtige Stelle setzen: Das Verb sollte möglichst früh im Satz stehen. Dadurch erkennen Leserinnen und Leser schneller, worum es geht.
  4. Präpositionen reduzieren: Ersetzen Sie lange Verbindungen wie „im Rahmen der“, „im Hinblick auf“ oder „hinsichtlich der“ durch eine direkte Konstruktion, wenn die Bedeutung erhalten bleibt.
  5. Passiv prüfen: Passiv ist sinnvoll, wenn der Vorgang wichtiger ist als die handelnde Person. Wenn Zuständigkeit zählt, ist Aktiv meist klarer.
  6. Bedeutung kontrollieren: Prüfen Sie nach jeder Umformung, ob sich Zeit, Verantwortung, Verbindlichkeit oder Umfang der Aussage verändert haben.
Beispiel: „Nach erfolgter Prüfung der Bewerbungsunterlagen wird eine Einladung zu einem persönlichen Gespräch vorgenommen.“ Zunächst wird die Handlung erkannt: prüfen und einladen. Danach wird die Zuständigkeit ergänzt: „Nach Prüfung der Bewerbungsunterlagen laden wir geeignete Bewerberinnen und Bewerber zu einem Gespräch ein.“ Falls die zuständige Stelle absichtlich nicht genannt werden soll, lautet eine neutrale Fassung: „Nach Prüfung der Bewerbungsunterlagen folgt gegebenenfalls eine Einladung zu einem Gespräch.“

Wann Substantive sinnvoll und sogar notwendig sind

Ein verständlicher Text besteht nicht ausschließlich aus Verben. Substantive schaffen Begriffe, bündeln Informationen und erleichtern die Orientierung. In Verträgen, technischen Dokumentationen und Fachtexten sind definierte Begriffe häufig erforderlich. Wer jedes Substantiv durch ein Verb ersetzt, kann Aussagen sogar ungenauer machen.

„Die Kündigung muss schriftlich erfolgen“ kann in einem rechtlichen Zusammenhang präziser sein als „Sie müssen schriftlich kündigen“, wenn die Kündigung als feststehender Rechtsbegriff verwendet wird. Bei rechtlichen, steuerlichen oder finanziellen Fragen sollte eine sprachliche Vereinfachung außerdem nicht den fachlichen Sinn verändern. Die konkrete Rechtslage hängt vom Einzelfall und vom jeweils geltenden Regelwerk ab; sprachliche Hinweise ersetzen keine professionelle Beratung.

Substantive erfüllen außerdem eine wichtige Funktion bei Überschriften, Kategorien und Suchbegriffen. „Antragstellung“, „Kostenplanung“ oder „Kundenservice“ können als kurze Orientierungselemente sinnvoll sein. In einem erklärenden Satz wirkt jedoch oft ein Verb besser: „So stellen Sie den Antrag“, „So planen Sie die Kosten“ oder „So bearbeiten Sie Kundenanfragen.“ Entscheidend ist nicht die Anzahl der Substantive, sondern ob die Leserinnen und Leser die Aussage ohne unnötige Entschlüsselung verstehen.

Vorher-Nachher-Beispiele aus Beruf, Marketing und Bewerbung

Die folgenden Beispiele zeigen, wie sich einzelne Umformulierungen auf Klarheit, Verantwortung und Ton auswirken.
Nominal geprägte FassungVerbale FassungVerbesserung
„Die Durchführung einer Marktanalyse dient der Ermittlung neuer Zielgruppen.“„Wir analysieren den Markt, um neue Zielgruppen zu finden.“Handlung und Zweck werden direkt benannt.
„Eine Reduzierung der Bearbeitungszeit wird angestrebt.“„Wir wollen die Bearbeitungszeit verkürzen.“Die Absicht und die zuständige Stelle werden sichtbar.
„Die Übermittlung der Unterlagen hat bis Montag zu erfolgen.“„Bitte übermitteln Sie die Unterlagen bis Montag.“Die Aufforderung ist unmittelbar verständlich.
„Im Rahmen der Optimierung des Auftritts erfolgt eine Anpassung der Texte.“„Wir überarbeiten die Texte, um den Auftritt klarer zu gestalten.“Die Maßnahme und ihr Ziel werden konkretisiert.
„Ich verfüge über Erfahrung in der Durchführung von Projekten.“„Ich plane und steuere Projekte.“Die Bewerbung zeigt konkrete Tätigkeiten statt einer allgemeinen Behauptung.

Bei Marketingtexten ist zusätzlich Vorsicht bei übertriebenen Wirkungsversprechen angebracht. „Die Erhöhung der Sichtbarkeit wird durch die Implementierung einer Content-Strategie gewährleistet“ klingt technisch, garantiert aber möglicherweise etwas, das nicht garantiert werden kann. Sachlicher ist: „Eine Content-Strategie kann dabei helfen, Inhalte planvoll zu veröffentlichen und relevante Zielgruppen anzusprechen.“ Die verbale Form verbessert hier nicht nur die Verständlichkeit, sondern auch die inhaltliche Genauigkeit.

Aktiv, Passiv und Verantwortlichkeit richtig abwägen

Die Empfehlung „Verben statt Substantive“ führt oft zur Aktivform. Aktivsätze sind besonders geeignet, wenn eine Person, ein Team oder eine Funktion für eine Handlung verantwortlich ist: „Die Buchhaltung prüft die Rechnung.“ Der Satz ist konkreter als „Die Rechnung befindet sich in Prüfung.“

Passiv bleibt jedoch nützlich, wenn die handelnde Person unbekannt, unwichtig oder bewusst nicht genannt ist: „Die Daten werden verschlüsselt gespeichert.“ In einer technischen Beschreibung kann der Vorgang im Mittelpunkt stehen. Auch bei einer neutralen Prozessdarstellung kann Passiv angemessen sein. Problematisch wird es, wenn Passiv und Nominalstil gemeinsam jede Zuständigkeit verdecken: „Nach erfolgter Freigabe wird eine Weiterleitung an die zuständige Stelle vorgenommen.“

Mögliche Überarbeitungen sind: „Nach der Freigabe leiten wir den Vorgang an die zuständige Stelle weiter“ oder „Nach der Freigabe wird der Vorgang an die zuständige Stelle weitergeleitet.“ Die erste Fassung nennt die Verantwortung, die zweite hält sie offen, formuliert den Ablauf aber trotzdem klar. Entscheidend ist, ob die Lesenden wissen müssen, wer handelt. In einer internen Aufgabenverteilung lautet die Antwort fast immer ja.

Ein Prüfverfahren für E-Mails, Webseiten und Dokumente

Für die Praxis genügt oft ein kurzer Durchgang mit fünf Fragen:
  1. Was geschieht? Unterstreichen Sie die eigentliche Handlung. Fehlt ein starkes Verb, suchen Sie die passende verbale Form.
  2. Wer handelt? Ergänzen Sie die zuständige Person, Abteilung oder Rolle, sofern sie für das Verständnis relevant ist.
  3. Was ist konkret gemeint? Ersetzen Sie unbestimmte Wörter wie „Maßnahme“, „Bereich“, „Thematik“ oder „Optimierung“ durch die tatsächliche Tätigkeit.
  4. Ist der Satz zu lang? Teilen Sie eine Kette aus mehreren Handlungen in zwei Sätze. Ein Satz muss nicht alle Bedingungen, Ziele und Folgen gleichzeitig enthalten.
  5. Ist die Aussage überprüfbar? Formulieren Sie Zeitpunkte, Zuständigkeiten und nächste Schritte so genau, wie es der Inhalt erlaubt.
Ein mögliches Redigierprotokoll sieht so aus: Zuerst lesen Sie den Text ohne Änderungen und markieren abstrakte Substantive. Im zweiten Durchgang wandeln Sie nur solche Hauptwörter um, die eine Handlung verdecken. Im dritten Durchgang prüfen Sie die Satzlogik und ergänzen fehlende Subjekte. Danach lesen Sie den Text laut oder mit größerem Abstand erneut. Stolperstellen zeigen häufig, dass nicht nur ein einzelnes Wort, sondern die gesamte Satzstruktur überarbeitet werden muss.

Für wichtige Texte lohnt sich außerdem eine zweite Prüfung durch eine Person aus der Zielgruppe. Fragen Sie nicht nur, ob der Text „gut klingt“, sondern konkret: „Was soll hier geschehen?“, „Wer muss handeln?“ und „Was ist der nächste Schritt?“ Wenn mehrere Antworten möglich sind, braucht die Formulierung mehr Präzision.

FAQ: Häufige Fragen zum Vermeiden des Nominalstils

Muss jeder Nominalstil vermieden werden?

Nein. Fachbegriffe, feststehende Bezeichnungen und konkrete Dinge benötigen häufig Substantive. Überarbeitet werden sollten vor allem abstrakte Hauptwörter, die eine Handlung verschleiern oder Zuständigkeiten offenlassen.

Welche Wörter weisen besonders oft auf Nominalstil hin?

Typische Hinweise sind Wörter wie „Durchführung“, „Umsetzung“, „Ermöglichung“, „Berücksichtigung“, „Überprüfung“, „Erarbeitung“ und „Optimierung“. Sie sind nicht automatisch falsch. Prüfen Sie, ob ein Verb die Aussage direkter und genauer ausdrücken kann.

Ist Aktiv immer besser als Passiv?

Nein. Aktiv eignet sich, wenn die handelnde Stelle wichtig ist. Passiv kann sinnvoll sein, wenn der Vorgang im Mittelpunkt steht oder die handelnde Person unbekannt ist. Auch im Passiv sollte der Satz möglichst ein konkretes Verb enthalten.

Wie übe ich den verbalen Stil?

Überarbeiten Sie regelmäßig kurze Texte, etwa E-Mails oder Projektbeschreibungen. Markieren Sie abstrakte Substantive, suchen Sie die zugrunde liegenden Verben und vergleichen Sie anschließend, ob Verantwortung, Zeit und Bedeutung erhalten geblieben sind.

Kann eine verständliche Formulierung fachlich ungenauer sein?

Ja. Besonders bei rechtlichen, steuerlichen, finanziellen oder technischen Texten können Fachbegriffe eine festgelegte Bedeutung haben. Vereinfachen Sie daher nur, wenn der fachliche Sinn unverändert bleibt, und lassen Sie kritische Formulierungen gegebenenfalls fachlich prüfen.

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